Antidiskriminierungsbeauftragte für einige Stunden

Ich hatte mich dafür beworben, weil ich Lust auf diese Aufgabe hatte. Ich wollte mich mit meiner Fachkompetenz in meiner Freizeit in die Piratenpartei einbringen; die Piraten konnten es brauchen, das hatte ich ein Jahr lang beobachten können. Mit Mobbing habe ich einige Erfahrung und das berufliche Handwerkszeug als Psychologin und Psychotherapeutin besitze ich ebenfalls. Ich war vorbereitet auf den Shitstorm, der mich erwarten würde und mit dem jeder bedacht wird, der aus der Menge herausragt. Die üblichen Leute hatten sich über Nacht ans Werk gemacht und fragwürdige Tweets von mir ausgegraben, die mich diskreditieren sollten. Von den Popcornpiraten wurden sie in Szene gesetzt – sehr unterhaltsam.

Womit ich nicht gerechnet hatte: dass der Bundesvorstand auf den Zug der Hater aufspringen würde und diesen bösen Spott zum Anlass nehmen würde, mir dringend den Rücktritt nahezulegen. Ich hätte keine Mehrheit und es wäre besser ich würde „Größe zeigen“. Man schämte sich, mich vorschnell beauftragt zu haben. Was das für schlimme Tweets waren? Eine Diskussion mit der Piratin @lotterleben zum Beispiel, der ich nicht abgenommen hatte, dass sie belästigt worden war. Was sie behauptete war einfach schlecht gelogen; ich hatte ihr das auf den Kopf zugesagt. Haterpiraten und buvo machten daraus, dass ich Sexismus befürworten würde. Es gab dann einen Umlaufbeschluss von @incredebul und @tarzun mit diesem Tweet: „… die Antidiskriminierungsbeauftragte ist untragbar, weil sie selbst diskriminierende Ausssgen getätigt hat …“ Niemand aus der Piratenblase wunderte sich über diesen Unsinn – Aussenstehende schon. Und es gab einen Tweet, in dem ich den berüchtigten @netreaper vom Piratenschiff vertreiben wollte, mit der Drohung, ich würde ihn abknallen lassen, wenn er nicht die Partei verlassen würde. Ich meine es hat sogar funktioniert … 😀  *  Kein normaler Mensch würde auf die Idee kommen, ich hätte dem Mann ernsthaft mit Mord gedroht oder er wäre wirklich auf einem Schiff. Ok., man kann darüber streiten, ob man jemand so erschrecken sollte (- ja, sollte man), aber jeder mit klarem Verstand konnte sehen: ich hatte mit seiner Angst gespielt. Ich benutze manchmal die Angst und den Aberglauben der Leute, um bestimmte Ziele zu erreichen. Das habe ich in meiner Ausbildung als Hypnotherapeutin gelernt. Man kann das moralisch fragwürdig finden, wenn man selber ängstlich und abergläubisch ist. Wenn man zu den Selbstunsicheren gehört, die sich beständig fragen „darf man das?“ Oder wenn man mich diskreditieren will – warum auch immer. Ich hätte es gerne dem buvo erklärt und bei der Gelegenheit noch andere Fragen beantworten können. Dazu hatte ich keine Gelegenheit.

Ich werde den Gedanken nicht los, dass man mich schnellstmöglich wieder loswerden wollte und mich deshalb den Mobbern geopfert hat. Dass dem buvo die Hater gerade recht kamen. Die Piratenpartei hat bekanntlich ein Mobbingproblem. Mobbing findet statt in Systemen, in denen die Führungsspitze ihrer Verantwortung nicht gerecht wird, deshalb wird immer ein Sündenbock gebraucht. Bei der Piratenpartei sind dem Bundesvorstand die Hände gebunden. Er muss schwach sein, weil die Basis keinen starken buvo duldet. Dazu muss man wissen, dass das Selbstverständnis dieser jungen Partei zu einem Grossteil darin besteht, dass sie anders sein will als andere Parteien. Die Verantwortung steht praktisch auf dem Kopf, dh. die Basispiraten haben das Sagen, der Bundesvorstand vertritt deren Willen. Damit steht aber gleichzeitig die natürliche Ordnung Kopf, was der Hauptgrund für viele Konflikte innerhalb der Partei ist. Die Führung nimmt nicht den ihr gemäßen Platz ein und alle bezahlen dafür einen hohen Preis.

Die Parteispitze hat also (scheinbar) vor den Basis-Trollen kapituliert und so mal eben eine Fachkraft geopfert, bevor ich mich ihr überhaupt auch nur vorstellen konnte.  Es ist Euch verdächtig leicht gefallen, lieber Bundesvorstand.  Eure Aufgabe und Verantwortung wäre es gewesen Euch vor mich zu stellen und den Hatern Einhalt zu gebieten.  Und das Gespräch mit mir zu suchen. Statt dessen wurde ich zur Unperson erklärt und der Status Quo gefestigt.

Der Hase im Pfeffer der Piratenpartei liegt im Nichtübernehmen von Verantwortung und in ihrer Angst vor Macht (der eigenen und wenn jemand von seiner Macht Gebrauch macht, so wie ich). Verantwortung ist etwas, das in der Piratenpartei hin und hergeschoben wird, genauso wie als Kehrseite die Schuld.  — —  Wenn ich mich von dieser Behandlung erholt habe, wird es mir leichter fallen zu verstehn, dass in dieser Partei nicht nur im Augenblick kein ernsthafter Veränderungsbedarf besteht, sondern dass sich der Bundesvorstand mit der Basis (unbewusst) einig ist, dass alles beim Alten bleiben soll. Die Bedrohung ist real, denn eine Veränderung in der Ordnung der Piratenpartei würde sie sofort ihrer Identität als „anders als andere Parteien“ berauben.      Das wäre das Ende der Piratenpartei als solche  ….     Sich das einzugestehen und die Reichweite dessen zu erkennen könnte ein erster Schritt sein heraus aus Mobbing und Diskriminierung.      Die nächste Antidiskriminierungsbeauftragte, die sich traut, sollte das wissen.

*warum ist niemand aufgefallen, dass mich genau das hier für diese Aufgabe qualifiziert?

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Ein Gedanke zu „Antidiskriminierungsbeauftragte für einige Stunden

  1. Wenn ich das als Außenstehender so sagen darf: Die Piraten sind eine basisdemokratische Partei. Ich bin nicht sicher, ob die Parteiführung wirklich legitimiert ist, eine Persönlichkeit als Antidiskriminierungsbeauftragte(n) durchzusetzen, die in der Parteibasis umstritten ist.

    Im Grunde müsste diese Position durch Urwahl oder mindestens durch die Wahl auf einer Bundesdelegiertenkonferenz besetzt werden. Es ist ja eine Art Ombudsperson, zu der die Leute Vertrauen haben wollen. Es müsste gleichzeitig eine Person sein, die noch niemals eine dezidierte Meinung gesagt hat und die noch nie an einem Konflikt innerhalb der Partei beteiligt war. Also ist es fast eine Unmöglichkeit, jemanden dafür zu finden.

    Wie sieht denn die Stellenbeschreibung aus? Hat eine Person auf dieser Position überhaupt eine Chance?

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